05.12.2017
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Wir brauchen keine Plattensäge

Vier Leute, 120 Quadratmeter und genaue Vorstellungen darüber, wie das funktionieren kann ... Kolja Becker hat in Kiel einen kleinen, aber feinen Betrieb.


Kolja Becker ist ein ganz entspannter Typ. „Eine Plattensäge – haben wir nicht, brauchen wir nicht.“ Über ein kleines CNC-Bearbeitungszentrum hat er schon mal nachgedacht, zusammen mit seinen Leuten. Seine Leute, das sind seine Frau, der Meister und der Auszubildende. Platz für noch mehr bietet die kleine Tischlerei in einem Hinterhof in Kiel ohnehin nicht. Aus dem Standort ergab sich auch der Name des Betriebs: Die Hoftischlerei. 120 Quadratmeter hat die Werkstatt, zuzüglich Büro.

 - Idylle im Hinterhof: Die Hoftischlerei hat sich auf Massivholzmöbel spezialisiert.
Idylle im Hinterhof: Die Hoftischlerei hat sich auf Massivholzmöbel spezialisiert.
Müller

Wer so wenig Platz hat, der muss sich genau überlegen, welche Arbeiten er anbietet. Für Kolja Becker hat sich diese Frage nie gestellt. Laut eigenen Aussagen hatte er eine „erstklassige Ausbildung“ in einem kleinen Betrieb in der Nähe von Kiel. Dort wurde täglich mit Massivholz gearbeitet – und das macht der 35-Jährige bis heute. 2003 war seine Ausbildung zu Ende. Übernommen wurde er leider nicht, ein Feuer hat den Betrieb verwüstet. Der junge Geselle arbeitete fortan in mehreren Klein-Tischlereien in der Umgebung, auch beim Kieler Opernhaus war er angestellt und lernte, Kulissen zu bauen. „2006 habe ich mich dann selbstständig gemacht. Auf dem Land, in einem umgebauten Kuhstall“, erzählt Becker von den Stationen seines Lebens.

 - Braucht keine Plattensäge: Kolja Becker.
Braucht keine Plattensäge: Kolja Becker.
Müller

Investiton in "Manpower"

Zwei Jahre später übernahm ein Bekannter die kleine Tischlerei auf dem Innenhof. Der Kieler stieg mit ein. „Anfangs hat hier jeder für sich gearbeitet, aber 2012 haben wir die Hoftischlerei gegründet, um gemeinsam die Nische Massivholz zu bearbeiten.“ Sein Kollege zog sich einige Jahre später aus gesundheitlichen Gründen aus der Hoftischlerei zurück. Becker übernahm den gesamten Betrieb – und investierte. Nicht in einen neuen Maschinenpark, sondern in das, was man heute gemeinhin „Manpower“ nennt. Jannik Ploj kam 2016 dazu. Der heute 23-Jährige ist Meister. Kurz darauf folgte Dominik Müller. Mit seinen 32 Jahren gehört er sicherlich nicht zu den jüngsten Auszubildenden Deutschlands, aber das hat einen Grund: Müller ist Diplom-Designer, hat also schon ein Studium hinter sich. Mit seiner Frau zusammen ist er von Bayern nach Kiel gezogen, um der erste Auszubildende der Hoftischlerei zu werden. Vierte im Bunde ist Claudia Becker-Valdivia. Die 36-Jährige ist seit zehn Jahren mit Kolja Becker verheiratet und unterstützt ihn bei der Betriebsführung. Sie stammt ursprünglich aus Chile, hat unter anderem in Deutschland studiert und kommt aus einer ganz anderen Ecke, die so überhaupt nichts mit Holz zu tun hat: Sie ist Diplom-Ingenieurin für Verkehrswesen. „Wir sind eine junge und bunte Truppe“, sagt sie lachend.

 - Jannik Ploj ist als Meister seit 2016 dabei ...
Jannik Ploj ist als Meister seit 2016 dabei ...
Müller

Mit dem Kunden zum Holzhändler

In erster Linie sind es Privatkunden aus dem Umland, die zur Hoftischlerei kommen. Einbau- und auch Einzelmöbel sind gefragt. Immer häufiger kommt jemand und möchte eine komplette Küche. „Meistens ist es so, dass der Kunde eine ungefähre Idee hat und dann schauen wir, was wir daraus machen“, erzählt Becker. Gelegentlich hat er sogar schon Kunden zum Holzhändler mitgenommen, um das Rohmaterial auszusuchen. Das klingt zunächst einmal alles sehr edel, aber Becker ist auch bereit, für den Kunden über seinen Schatten zu springen: „Wenn es um größere Projekte geht und wenn es der Kunde unbedingt wünscht, dann machen wir natürlich auch Bautischlerei, obwohl es nicht unser Schwerpunkt ist.“

 - ... kurz daruf folgte Dominik Müller als Azubi.
... kurz daruf folgte Dominik Müller als Azubi.
Müller

Zu den Kunden zählt aber auch die Stadt Kiel, die gerne Einrichtungen für ihre Kindergärten bei der Hoftischlerei in Auftrag gibt. Und auch für das Schifffahrtsmuseum haben Becker und seine Leute schon gearbeitet. Ganz stolz ist er auf die Restaurie­rung der sogenannten Brausebude, die heute in der Nähe des Museums steht. Das historische Verkaufshäuschen war ursprünglich vor der Werft aufgestellt: Die Arbeiter sollten damit die Möglichkeit bekommen, sich mit nichtalkoholischen Getränken zu versorgen, weil auf der Werft zu viel Bier getrunken wurde.

Kooperation mit anderen Tischlereien

„Bei den Aufträgen für das Schifffahrtsmuseum geht es natürlich meistens nicht um Massivholz, sondern dort verarbeiten wir auch Plattenmaterial. Das machen wir dann mit einer befreundeten Tischlerei, die ein CNC-Bearbeitungszentrum hat“, erzählt Becker. Er hält viel davon, mit anderen Werkstätten zu kooperieren: „So kann jeder sein Angebot erweitern und muss keine Aufträge ablehnen“, sagt er. Das ist gerade für ihn sehr wichtig, weil die Werkstatt klein ist. „Die Arbeit muss gut getaktet sein und Ordnung ist ganz, ganz wichtig“, sagt der Kieler, der ganz froh darüber ist, dass eine Tischlerei heute zumindest kein Lager mehr benötigt: „Die Zusammenarbeit mit dem Holzhändler ist super.“ Die Hoftischlerei bestellt und die Lieferung wird gleich weiterverarbeitet.

Gute Leute, verlässliche Zulieferer, funktionierende Kooperationen – Kolja Becker kann offensichtlich auch weiterhin ganz entspannt sein. Und eine Plattensäge wird er auch in Zukunft nicht brauchen. (tv)