02.03.2018
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Mit der Kita aus der Krise

Das Unternehmen war noch sehr jung und Florian von Tschammer und Boris Breiding hatten die Auftragsbücher voll. Dann erwischte die Wirtschaftskrise die Elbtischler in Hamburg.


Die Krise als Chance begreifen. Wenn eine Tür zuschlägt, dann öffnet sich eine andere. Gestärkt aus der Krise hervorgehen ... Sind diese Redewendungen nur hohle Floskeln? Oder steckt da tatsächlich etwas dahinter? Sicher ist, dass Florian von Tschammer und Boris Breiding nicht „Hurra“ geschrieen haben, als die Wirtschaftskrise 2008 ihre erst vier Jahre alte Elbtischlerei in Hamburg erreichte: „Wir waren eine reine Möbel­tischlerei und hatten einige sehr erfolgreiche Jahre hinter uns. Plötzlich mussten wir unsere Kollegen entlassen und waren wieder zu zweit“, erzählt von Tschammer.

 - Neue Halle, viele Mitarbeiter: Florian von Tschammer (Foto) und Boris Breiding ging es gut. Dann kam die Wirtschaftskrise ...
Neue Halle, viele Mitarbeiter: Florian von Tschammer (Foto) und Boris Breiding ging es gut. Dann kam die Wirtschaftskrise ...
Vahle

Dabei hatten die beiden Tischler gerade erst im Jacobsenweg in Hamburg eine größere Werkstatt gemietet. „Boris Breiding und ich kannten uns schon viele Jahre. In einer Art Tischler-WG haben wir mit anderen zusammen gearbeitet, 2004 die Elbtischler gegründet. Und weil die WG buchstäblich aus allen Nähten platzte, mussten wir uns einen neuen Standort suchen“, erzählt der 54-Jährige von den Anfängen des Unternehmens. Die Auftragslage war traumhaft – und dennoch wäre es beinahe ins Auge gegangen.

Aber nur beinahe. Als die Auftragsbücher so richtig leer waren, lernten die beiden Tischler eine Architektin kennen. Die plante gerade eine Kindertagesstätte inklusive Inneneinrichtung. Breiding und von Tschammer bekamen den Auftrag – und er wurde zum Wendepunkt für die Elbtischler. Die Kindertagesstätte war nicht nur der rettende Anker in der Krise, sondern entwickelte sich zum Hauptgeschäftsfeld. „Wir haben noch Privatkunden, die wir weiterhin bedienen, aber mit den Kitas erwirtschaften wir 80 Prozent unseres Umsatzes“, sagt von Tschammer.

Was aber nicht bedeutet, dass das heute 18-köpfige Team der Tischlerei nur Möbel im Kleinformat baut und damit einfach unglaublich reich wird. Die Anforderungen sind schon komplexer: Ein Ansatz der modernen Pädagogik ist, dass der Raum die Kinder mitprägt – und daher entsprechend gestaltet sein muss. Klingt einleuchtend. Die Konsequenz daraus ist aber, dass die Arbeit von Breiding und von Tschammer extrem beratungsintensiv ist. Das geht schon damit los, dass gewöhnlich das gesamte Kita-Team die Räume mitentwickelt. „Wir haben Vor­bereitungsphasen, Teamsitzungen, Nachbereitungen. Boris hat schon einige Fortbildungen besucht, um auf dem aktuellen Stand zu sein“, erzählt von Tschammer. Heraus kommen dabei Möbelstücke von der Garderobe bis hin zum Wickeltisch, Einrichtungen von Bibliotheken, Kantinen und Kinderküchen, dazu Ruhe- und Werkstatträume, Räume mit großzügigen Podestbereichen zum Erleben und Spielen. Nicht zu vergessen die Ateliers, um die kindliche Kreativität zu fördern.

 - Ein haptisches Erlebnis: Die Platte mit den Ästen wird Teil eines Erlebnis-Klettergerüsts.
Ein haptisches Erlebnis: Die Platte mit den Ästen wird Teil eines Erlebnis-Klettergerüsts.
Vahle

Die beiden Geschäftsführer wollen aber nicht nur den Entwicklungen und neuen Ansätzen in der Pädagogik hinterherlaufen, sondern sich auch selbst mit einbringen. Um den Ideenfluss in Gang zu halten, haben sie erst vor wenigen Wochen eine Gruppe von 15 Studenten für ein Wochenende eingeladen und den Entwurf eines Lernmöbels entwickelt. „Mit dabei waren aber nicht nur angehende Pädagogen, sondern beispielsweise auch Designer und Betriebswirtschaftler“, erzählt von Tschammer. Eine Jury aus Architekten, Schülern, Vertretern der Schulen und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat die Entwürfe bewertet.

„Es sind gute Ideen dabei herausgekommen, die wir weiterverfolgen werden“, sagt der Tischler. „Wir finden es spannend, andere Meinungen zu hören. Es bringt immer was, wenn quasi einer noch von oben draufguckt.“ Das haben Breiding und von Tschammer zu ihrem Prinzip gemacht, das sie konsequent anwenden. Zum Beispiel auch vor sechs Jahren, als es darum ging, das Büro zu erweitern, die Werkstatt neu zu gestalten und neue Maschinen zu kaufen. Dafür kam eigens ein Coach ins Haus, der die Mitarbeiter in die Entscheidungen einbezogen hat. „Davon waren anfangs nicht alle Kollegen begeistert. Aber unsere damalige Auszubildende hat wirklich Überzeugungsarbeit geleistet und alle von dieser Chance überzeugt“, sagt von Tschammer.

Ein Ergebnis war, dass höhenverstellbare Tische und Podeste angeschafft wurden, damit alle Mitarbeiter ergonomischer arbeiten können. Was aber viel wichtiger ist: Die Mitarbeiter sind zufrieden mit „ihrem“ Betrieb, den sie mitgestaltet haben. Nicht angeschafft hat die Elbtischlerei ein CNC-Bearbeitungszentrum. „Wir können damit nichts anfangen“, sagt von Tschammer: „Die Einrichtungen, die wir für die Kitas fertigen, sind immer anders. Daher macht CNC für uns keinen Sinn.“

 - Beschränkung auf das Wesentliche: Die Plattensäge ist wichtig, ein CNC-Bearbeitungszentrum wäre unnütz.
Beschränkung auf das Wesentliche: Die Plattensäge ist wichtig, ein CNC-Bearbeitungszentrum wäre unnütz.
Vahle

Und tatsächlich sind die beiden Elbtischler auch froh darüber, dass sie sich diese große Investition ersparen konnten. „Die Wirtschaftskrise 2008 war für uns ein einschneidendes Erlebnis, wir sind beide dadurch vorsichtiger geworden.“ Laut Breiding und von Tschammer kann jetzt alles so bleiben, wie es ist: „Wir haben unsere optimale Betriebsgröße erreicht. Wir wollen nicht mehr und nicht weniger.“ Denn wer weiß, ob die nächste Krise wieder eine Chance ist? (tv)