27.04.2016
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Februar 2016 - Weit abseits

Mehr Randlage geht nicht ...

Es gibt Orte, da weiß man nicht genau, wo man eigentlich ist. Weil am Rhein, und hier insbesondere der Stadtteil Märkt, ist so ein Ort. Wenige Meter weiter beginnt die Schweiz, ein paar Schritte in die andere Richtung ist bereits Frankreich. Das Handy spielt verrückt. Ständig empfängt es Mobilfunkangebote von Anbietern aus den beiden Nachbarländern. Mehr Randlage kann man wohl kaum in Deutschland haben.


Die Familie Ranz stört das überhaupt nicht. In ihrer Tischlerei herrscht Hochbetrieb. Maßgefertigte Möbel entstehen auf den Hobelbänken, die CNC-Maschine hat stets gut zu tun und drei Mitarbeiter rackern sich gerade mit schweren Eichenbalken ab. Sie bauen ein Bett. Ein Kunde aus der Schweiz hat es in Auftrag gegeben, besser gesagt: gleich drei. Er möchte damit seine Ski-Hütte ausstatten. „Wir bauen zwar drei, aber doch ist jedes Bett ein Einzelstück und anders als das andere“, sagt Martin Ranz, der die Schreinerei vor ziemlich genau zehn Jahren gegründet hat, am 1. Februar 2006.
Er hat mal klein angefangen, wie andere auch. Inzwischen sind 17 Leute im Betrieb beschäftigt, die eigene Familie mitgerechnet: Sohn Nico ist 22 Jahre alt und seit dem Spätsommer 2014 Meister. Selbstverständlich hat er im elterlichen Betrieb sein Handwerk erlernt. Ebenso seine Schwester Anja. Sie ist Gesellin. Mutter Conny hält im Büro alle Fäden in ihrer Hand. Drei Auszubildende sind derzeit im Betrieb. „Ausbildung ist für uns selbstverständlich, denn nur so bekommen wir qualifizierte Mitarbeiter im Handwerk“, sagt Ranz.

Von Anfang an hat der Familienbetrieb seine Aufmerksamkeit auf die Nachbarländer gerichtet. „Jenseits der Grenzen hört die Welt ja nicht auf“, bemerkt Ranz ganz richtig. Insbesondere in der Schweiz hat die Schreinerei über die Jahre gute Kunden gefunden, deren Vorstellungen oft in Richtung Luxus gehen – und das macht dann plötzlich die Randlage zu einem Privileg.

Es kam eins zum andern: Vom kreativ gestalteten Möbelstück über den Sauna- und Ladenbau bis hin zum kompletten Innenausbau arbeitet der Familienbetrieb alles ab. Oft hat der Kunde bereits konkrete Vorstellungen im Kopf, die es umzusetzen gilt. Oder aber die Vorstellungen sind noch nicht so konkret und die Ideen der Mitarbeiter sind gefragt – da unterscheidet sich die Schreinerei Martin Ranz nicht von ihren Kollegen in anderen Teilen Deutschlands. Gefragt sind aber neben Holz auch ganz andere Werkstoffe, die es zu kombinieren und zu verarbeiten gilt. Glas, Kunststoff und Metall sind an der Tagesordnung. „Wenn wir einen gehobenen Anspruch bedienen wollen, dann kommen wir um diese Materialien nicht drumrum“, sagt der Senior-Chef. Ein Beispiel dafür ist das Meisterstück seines Sohnes: Ein Schreibtisch, der durch seine beinahe frei schwebende Platte ins Auge fällt. „Es steckt sehr viel Stahl in seinem Inneren, aber man sieht es nicht“, erzählt Nico Ranz stolz.

Derweil nimmt das Eichenbett immer mehr Gestalt an. Während ein Mitarbeiter damit beschäftigt ist, das Rohmaterial für das nächste Bett zu schleifen, setzen zwei andere das erste Exemplar probeweise zusammen. Die Grundidee ist simpel: Vier Balken ergeben einen Rahmen, dann fehlen nur noch Lattenrost und Matratze. Doch wie immer steckt der Teufel im Detail: Die Balken sind sehr alt und nicht gerade, ein Kopfstück muss auch noch dran, sonst rutschen die Kissen runter, Füße sollte das Bett ebenfalls haben. Und als krönenden Abschluss möchte der Auftrag­geber auf beiden Seiten Glasplatten als Ablage... Wenn alles fertig ist, fahren die Mitarbeiter in die Schweiz und bauen die Betten auf. In der nächsten Ski-Saison wird sich dann herausstellen, ob sie die Ansprüche müder Ski-Fahrer erfüllen.

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