Indianer weinen nicht

Der Vater besuchte die Meisterschule Bonn der Handwerkskammer zu Köln. Sein Kleiderschrank ist 1956 in europäischer Kirsche furniert/teilmassiv gefertigt und entspricht ganz dem Geschmack der 50er-Jahre. Gern erzählt der Vater, dass ihm unter Zeitdruck mehrfach die filigranen Sprossen der verglasten Türen beim Stemmen zerbrochen sind. Er saß auf dem Werkstattboden und weinte vor Verzweiflung, als der damals vierjährige Bruder von Thomas Radermacher in die Werkstatt kam und seinen Vater mit den Worten tröstete: „Papa, Indianer weinen nicht“. „Mein Vater hat immer erzählt, dass diese Worte ihn so aufgemuntert haben, dass er neuen Mut fasste und das Meisterstück letztlich mit Bravour und der Note zwei zum Abschluss brachte“, sagt Radermacher.

Vater und Sohn sind sich nicht nur ähnlich,…

…sondern gleichen sich wie ein Ei dem anderen – nach Abzug einiger Lebensjahre.

Sein eigenes Meisterstück ist 1989 für die Meisterprüfung in Bad Wildungen entstanden. Es handelt sich um einen Schreibsekretär aus Kirschbaum. Und dazu gibt es gleich zwei Anekdoten: Kurz vor der Fertigstellung bekam Radermacher Besuch von einem Freund, der als Qualitätsüberwacher in einem schweizerischen Präzisionsdrehteilewerk arbeitete und nichts Besseres zu tun hatte, als an der etwas ungleichmäßigen Struktur der massiven Türfüllungen herumzumeckern – Radermachers Nerven lagen blank und so warf er ihn aus der Werkstatt. Der Vater schritt ein und konnte die Situation entspannen. Die Freundschaft hält bis heute.

„1989 war es in Bad Wildungen obligatorisch, Schubkästen auf Holz-Kulissenauszügen laufen zu lassen“, erzählt Radermacher weiter. Weil die Meisterschüler aus allen Teilen der Republik kamen, war es üblich, dass die Meisterstücke am Vorabend der Abnahme per Transporter eintrafen. „Aber der Januar war kalt und nass, das führte dazu, dass kein einziger Kulissenauszug mehr richtig funktionierte“, berichtet Rader­macher: „Das führte zu einer Häufung von Panikattacken und hektischem Nacharbeiten mit verschiedensten Hausmitteln, um die gequollenen Kulissen wieder eines Meisterstücks würdig und zur Erzielung der bestmöglichen Note ans Laufen zu bringen.“ Lautes Fluchen und viel gegenseitige Hilfe haben geholfen – letztlich funktionierten alle Kulissenauszüge wieder. Die Akklimatisation über Nacht sorgte aber dafür, dass die Auszüge am nächsten Morgen eher zu locker waren.

Radermacher hat Ende 1990 den Betrieb seines Vaters und Großvaters übernommen. Zudem ist er unter anderem Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands des Deutschen Tischler- und Schreinerhandwerks (TSD), stellvertretender Innungsmeister Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender des Bundes-Sachverständigenausschusses.

radermacher-gmbh.de

Beides Kirschbaum: Die Meisterstücke von Rudolf und…

…Thomas Radermacher sind sich durchaus ähnlich. Fotos: Radermacher