11.01.2016
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Januar 2016 - Jenseits der Norm

"Ich versteh mich als Diva"

Ein Handwerker, der nicht gerne früh arbeitet. Der eine Gage bekommt statt Werklohn. Der seine Kunden als Patienten bezeichnet. Kann das gutgehen oder ist das alles nur Spinnerei?


Selbstbewusst – und innovativ
Selbstbewusst – und innovativ - "ich genieße überall Narrenfreiheit", sagt Tischlermeister Wilhelm Freund.
"ich genieße überall Narrenfreiheit", sagt Tischlermeister Wilhelm Freund.
Foto: Hamacher

„Ein Freund, ein guter Freund ...“ – den Ohrwurm aus dem Film „Die Drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann hat wohl jeder gleich im Ohr, wenn er die Visitenkarte von Wilhelm Freund in der Hand hält. Wer einen solchen Namen hat, der muss natürlich auch seine Tischlerei so nennen: „Tischlerei Dein Freund“ steht drauf. Und: „Wilhelm Freund, Diva“. Wie bitte?

„Ich meine das auch so. Das ist keine Abkürzung für irgendwas, sondern ich verstehe mich als Diva“, erzählt Freund, der seit 1998 Tischlermeister ist und in der Wedemark bei Hannover seine Tischlerei betreibt. Der 41-Jährige bezeichnet sich selbst als Promi-Tischler, seine Kunden nennt er gern „Patienten“ und er bekommt auch keinen Lohn für seine Arbeit, sondern eine Gage. Ist das nicht alles ein wenig exzentrisch für einen Tischler auf dem Dorfe?

„Natürlich, aber die Leute mögen mich so, wie ich bin. Ich genieße überall Narrenfreiheit“, erzählt Freund aus seinem täglichen Geschäftsleben. Termine am frühen Morgen mag er nicht. Und allzu große Pünktlichkeit ist etwas für Kleingeister ...

Ganz schön große Klappe, oder?
Vielleicht. Aber es gibt große Klappen mit nichts dahinter und es gibt scheinbar große Klappen, die bei genauerem Hinsehen dann doch eher noch untertreiben. Freund gehört in die zweite Kategorie.

Innenausbau, Möbel, Küchen und Badmöbel – das sind die wichtigsten Standbeine des Betriebes. Zu den Kunden zählen tatsächlich viele Menschen aus der hannoverschen und der weitläufigeren Promi-Szene. Aufzählen wollen wir sie hier nicht. „Wir hatten noch nie Auftragslöcher“, erzählt der Tischlermeister und begeisterte 911er-Fahrer.

Insgesamt 14 Mitarbeiter sind in dem Betrieb beschäftigt – inklusive seiner Frau Anke, die den Platz neben ihm im Büro besetzt. Sie übernimmt den größten Teil der administrativen Arbeit und ist auch für die Kundenbetreuung zuständig. „Aber meistens fragen die Kunden explizit nach meinem Mann“, erzählt sie lachend. „Er ist eben die Diva und der Alleinunterhalter.“

Überraschend bodenständig
Freund hat es damit tatsächlich geschafft, aus einem Tischlereibetrieb eine Marke zu machen. „Ich wollte weg vom klassischen Tischlerdasein“, sagt er. Was dabei ein wenig auf der Strecke geblieben ist, das ist die Freizeit. „Wir haben jährlich nur zehn bis zwölf Tage Urlaub gemacht“, erzählt Anke Freund. Das soll sich aber möglichst in absehbarer Zeit ändern. Ihr Mann sieht das auch so: „Ich habe den Betrieb aufgebaut, alles läuft und jetzt muss es auch mal für kurze Zeit ohne uns gehen.“

Als junger Meister hat er 1998 mit weniger angefangen, als andere Menschen als Wohnzimmer haben: 20,5 Quadratmeter war die erste Werkstatt groß. Damals auch schon in der Wedemark. Den Standort hat Freund nie in Frage gestellt: „Das ist hier meine Heimat“, zeigt sich die Diva plötzlich überraschend bodenständig. Bereits ein Jahr später eröffnete er den Betrieb, in dem die „Tischlerei Dein Freund“ bis heute zu Hause ist – seit Jahresanfang 1999.



Innovativ zum Design-Award
Ein professioneller Internetauftritt gehört für Freund bereits seit 2004 ebenso zu den Selbstverständlichkeiten wie eine moderne Werkstattausrüstung. Noch ganz neu ist die CNC-Maschine von Morbidelli, die erst seit wenigen Wochen ihren Platz in der großen Halle hat. Auf ihr entstehen nicht nur Möbel, sondern auch der „Woodrocker“, ein Schaukelpferd, das keines ist. Der Woodrocker ist ein schielendes Schaukeltier, das sich mit wenigen Handgriffen auch als Hocker oder Sessel verwenden lässt.

„Ich mag den Begriff Schaukelpferd nicht, das ist ein Schimpfwort“, sagt Freund. Zu seinem Namen ist der Woodrocker aus zwei ganz einfachen Überlegungen heraus gekommen: „Er ist aus Holz und er rockt“, findet Freund. Passend dazu gibt es auch noch einen Spieltisch mit einem Loch in der Mitte und einer Spielzeugrutsche. 2010 – im Jahr der Markteinführung – hat der Tischler mit dem Kinderspielzeug den iF-Design-Award gewonnen. Zusätzlich bekam er aus dem Programm „Europa fördert Niedersachsen“ eine finanzielle Förderung. Die gab es aber nicht ohne Mühe, denn sie wurde nur an die fünf innovativsten Betriebe in Niedersachsen vergeben. Und davon wollte die Jury erst einmal überzeugt werden.

Aktuell hat sich Freund zum Niedersächsischen Staatspreis für das gestaltende Handwerk 2016 beworben. Die Kommission hat ihn bereits zum Wettbewerbsteil „Erfolgsfaktor Design“ zugelassen. Ob er gewonnen hat, das entscheidet sich Ende Januar. „Diesen Wettbewerb wollte ich schon immer gewinnen“, sagt Freund. Das hat aber nichts mit persönlicher Eitelkeit zu tun, sondern mit wirtschaftlichem Kalkül: „Über die Wettbewerbe erreiche ich die Menschen und damit komme ich an Kunden.“

Zwischendurch klingelt das Telefon. Anke Freund nimmt ab. Ein größerer Auftrag und eine gute Grundlage für 2016. Der Kunde möchte demnächst den Meister persönlich sprechen. Die Diva hat ihren nächsten Auftritt.

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(tv)

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