Ein kleiner Schritt zur Verständigung

1961 war der Holocaust gerade erst 16 Jahre vorbei. Der junge Fritz Jurtschat möchte sein Meisterstück anfertigen und bekommt Hilfe, wo man sie nicht erwartet hätte – und einen väterlichen Freund findet er auch.

Fritz Jurtschat ist Sachverständiger für Tischlerarbeiten und Holzbau. (Foto: Jurtschat)

Jurtschat ist heute Sachverständiger für Tischlerarbeiten und Holzbau. Bei seinem Meisterstück half ihm ein Mensch, der eigentlich jeden Deutschen hassen musste. Doch alles der Reihe nach …

Fritz Jurtschat hatte in der Werkkunstschule Flensburg sein Meisterstück ausgearbeitet und im Maßstab 1:10 zu Papier gebracht. Ein Schrank sollte es werden, mit einer gleichmäßig aus­sehenden Front, in die er das Wappen seiner Heimatstadt Saarbrücken einarbeiten wollte. Für ein Furnier hatte sich der junge Tischler noch nicht entschieden.

Jurtschats Vater erinnerte sich an die Furnierhandlung der Gebrüder Haas in Borken. Dort hatte er vor dem Krieg als Betriebsleiter einer großen Möbelwerkstatt in Saar­brücken hochwertige Furniere bezogen. Erste Erkundigungen ergaben, dass es die Furnierhandlung noch gab. Das war nicht selbstverständlich, wie sich herausstellte: Auf der ersten Fahrt nach Borken erklärte Jurtschats Vater seinem Sohn, dass es sich bei dem Inhaber um einen Juden handele, dessen Familie zum größten Teil während des Holocaust deportiert und ermordet worden war. Vater und Sohn waren sicherlich mit gemischten Gefühlen nach Borken unterwegs. Haas empfing seine Gäste aber sehr freundlich, bewirtete sie mit Kaffee und Kuchen und freute sich, dass sich der Vater an ihn erinnerte, berichtet Fritz Jurtschat heute. Die Geschäfts­beziehungen lebten wieder auf und oft waren die Jurtschats bei Haas zu Gast, um Furniere für den kleinen Betrieb des Vaters einzukaufen.

Edles Furnier: Die Front ist in Nussbaum gehalten. (Foto: Jurtschat)

„Herr Haas gab mir das Versprechen, dass, wenn ich mein Meisterstück anfertigen würde, er das erforderliche Furnier liefern würde. Er verlangte dafür kein Entgelt, sondern nur eine entsprechende Dokumentation und ein Foto“, berichtet Jurtschat weiter über die freundschaftliche Beziehung, die sich entwickelte.

Für die Front erbat sich der junge Tischler Nussbaum-Maserfurnier, für die Innenflächen hatte er ungarischen Ahorn vorgesehen. Nach wenigen Tagen erhielt er das Maserfurnier für Front, Seiten, Decke und Rückwand – bereits fertig ausgebessert.

Aufwendige Arbeit: das Wappen von Saarbrücken. (Foto: Jurtschat)

„Herr Haas ist längst verstorben. Die Firma existiert nicht mehr. Zum Andenken an ihn schenkte er mir einen silbernen Brieföffner mit der Firmen-Aufschrift der Gebrüder Haas. Ich bin ihm zu Dank verpflichtet“, sagt Fritz Jurtschat. In seinem Meister­stück hebt er heute seine Fotoausrüstung auf.

svjurtschat.de