25.09.2017
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September 2017

Digital auf neuen Wegen

Da kommt die Tochter nach vielen Jahren zurück nach Hause und will im elterlichen Betrieb alles auf den Kopf stellen. Was daraus werden kann, sehen wir in Rhens bei Koblenz.


Holzheld des Monats
Holzheld des Monats - Online anders machen: Nach vielen Jahren in anderen Städten und im Ausland hat Julia Kasper den elterlichen Betrieb für sich entdeckt und neu aufgestellt.
Online anders machen: Nach vielen Jahren in anderen Städten und im Ausland hat Julia Kasper den elterlichen Betrieb für sich entdeckt und neu aufgestellt.
Foto: Vahle

Ich war im Zettelwirtschaftsmodus.“ Wenn Hermann Kasper aus der Vergangenheit erzählt, dann hört es sich an, als wenn das alles ganz, ganz lange her ist. „Auf meinem Schreibtisch türmten sich Zettelchen und mit Bleistift beschriebene Hölzer mit irgendwelchen Notizen. Heute sehe ich die Tischplatte wieder“, erzählt der 52-jährige Tischlermeister aus Rhens bei Koblenz, dessen Hauptstandbein der Treppenbau ist.

Die Wende kam vor etwa drei Jahren. Kaspers Tochter Julia entdeckte nach Ausbildung, einem Jahr in China und BWL-­Studium den elterlichen Betrieb neu. Ihre Idee: Eine genaue Analyse über das Potenzial der Tischlerei, in der sie aufgewachsen ist. „Das fehlt mir gerade noch, dass die jungen Leute mit versponnenen Ideen aus dem Studium kommen und mir den Betrieb auf den Kopf stellen“, mag jetzt so mancher alte Hase denken. Hermann Kasper sieht das anders: „Mit der Digitalisierung sind die Zettelchen verschwunden, der Alltag geht uns leichter von der Hand, weil alles strukturiert ist. Wir haben jetzt mehr Freiraum.“

Holzheld des Monats
Holzheld des Monats - Eine Identität aufbauen: Julia Kasper ist auf dem richtigen Weg.
Eine Identität aufbauen: Julia Kasper ist auf dem richtigen Weg.
Foto: Vahle

Den braucht er auch. Denn Tochter Julia hat nicht nur Ideen und den Betrieb ihrer Eltern neu durchorganisiert, sondern sie sorgt auch für Auslastung. 2014 gründete die heute 31-Jährige ihr Unternehmen holzgespür. Eine Online-Plattform, auf der Kunden ihren eigenen Tisch konfigurieren können. Das ist aber doch nichts Neues, oder? Zugegeben, Möbelkonfiguratoren gibt es schon länger als erst seit drei Jahren. Dennoch unterscheidet sich holzgespür: „Wir haben eine sehr starke Kundenorientierung zum Kernstück gemacht“, erzählt Julia Kasper. Und weil niemand „mal eben“ größere Summen online ausgibt, war es für die 31-Jährige wichtig, Vertrauen aufzubauen.

Holzheld des Monats
Holzheld des Monats - Die Azubis sollen den Umgang mit Massivholz erlernen.
Die Azubis sollen den Umgang mit Massivholz erlernen.
Foto: Vahle

Der Kunde ist hautnah dabei

Deswegen hat sie die Kunden in den Herstellungsprozess eingebunden. Das fängt damit an, dass sich der Interessent aus dem kasperschen Fundus einen heimischen Hartholz-Baumstamm aussucht ...

Und genau an dieser Stelle geht es schon damit los, dass auch der Online-­Handel beratungsintensiv ist. Kaum ein Kunde kann sich vorstellen, wie sein Baum aufgeschnitten aussieht. „Mein Vater hobelt den Stamm etwas an und befeuchtet die Stelle. So bekommt der Kunde schon eine grobe Vorstellung“, sagt Julia Kasper. Das kann sich der Interessent entweder vor Ort in Rhens ansehen oder aber er bekommt eine Videobotschaft, wenn der Weg zu lang ist. Hat er sich entschieden, dann ist die Arbeit noch längst nicht erledigt und das Geld auch noch nicht verdient: „Im Laufe der Herstellung bekommt der Kunde immer wieder Fotos und Videos. Er ist immer hautnah dabei“, berichtet Julia Kasper.

Holzheld des Monats
Holzheld des Monats - Durch die Videodokumentation ist der Kunde jederzeit dabei.
Durch die Videodokumentation ist der Kunde jederzeit dabei.
Foto: Vahle

Der Online-Möbelhandel hat versagt

Und genau das ist der Punkt, wo nach Meinung von Julia Kasper der Online-Möbelhandel weitgehend versagt hat: Die Herkunft der Stücke ist nicht immer klar, die Individualität fehlt, die Produkte sind oft schlecht visualisiert und zu allem Überdruss haben sich die Preiskämpfe im Online-Segment weiter fortgesetzt. „Da sind wir als Tischlerei im Vorteil. Wenn wir uns etwas Mühe geben, können wir das alles bieten. Zudem sind wir Hersteller, verkaufen direkt und erzielen einen seriösen Preis für qualitativ hochwertige Handwerksarbeit“, fasst sie zusammen.

Ganz so einfach, wie es klingt, ist es aber nicht. Denn auch ein Unternehmen wie holzgespür steckt in der Zange zwischen do it yourself und den Industrieprodukten. Es bleibt ein harter Kampf in der Online-Welt und um im Markt bestehen zu können, muss ein Unternehmen eine Identität aufbauen, meint Kasper.

Natürlich leiten Vater und Tochter ihre Unternehmen mit dem nötigen Ehrgeiz, aber ein Wachstum um jeden Preis, das wollen sie beide nicht. Auch wenn es gut läuft, so gilt es doch, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben und jeden Schritt und jede Investition gut zu überlegen. Deswegen findet sich beispielsweise auch kein CNC-Bearbeitungszentrum in der kleinen Tischlerei in Rhens. Vater Hermann braucht sie für die Fertigung seiner Treppen nicht. Und für die Produktion der Tische schon gar nicht. „Wir investieren lieber in gute Geschäftsmodelle, dann sehen wir weiter“, sagt Julia Kasper.

Holzheld des Monats
Holzheld des Monats - Das wird ein Tisch: Julia und Hermann Kasper besprechen den nächsten Auftrag.
Das wird ein Tisch: Julia und Hermann Kasper besprechen den nächsten Auftrag.
Foto: Vahle
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