01.02.2013
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Februar 2013 - Ködern mit Koffein

Der Cappuccino-Tischler

Im Café sitzen, Cappuccino genießen und den Betrieb ankurbeln. Geht nicht? Von wegen! Genau das ist das Konzept von Robert Keysers.

von Heiner Siefken

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Siefken

Dieses Sofa. Dieses unglaubliche Sofa. Eigentlich will sie im Café 23 entspannt den Schaum von ihrem Latte Macchiato löffeln. Und dann das. Der Blick der jungen Frau fällt auf eine Mappe, die auf dem Tisch liegt. Sie ist neugierig, betrachtet die großformatigen Bilder, blättert vor und zurück, immer wieder zurück zu diesem Sofa. Zu dieser Kombination aus Leder und edel furnierten Oberflächen, zu diesem ungewöhnlichen Farbton.

Sie denkt kurz nach, dreht sich um und spricht über die Tische und die anderen Cafégäste hinweg Robert Keysers an: „Du bist doch hier der Chef, oder? Hast Du mal kurz Zeit?“ Hat er. Der Tischlermeister steht auf und geht auf die Frau zu. Rot, so heißt sein Hund, folgt ihm. Beide bleiben an ihrem Tisch stehen. Sie fragt: „Sag mal, gibt es das Sofa eigentlich auch in speziellen Größen?“ Keysers nickt. Gerade hat er den Optimalfall erlebt. Gerade ist sein Koffein-Konzept aufgegangen. Es geht immer öfter auf.



Richtige Mischung gefunden
Ursprünglich hatte Keysers für den Raum im Kölner Stadtteil Nippes andere Pläne. Zuerst stand hier lediglich sein Schreibtisch, später hat er ein paar Arbeitsproben gezeigt. „Die Hürde war nur zu groß, eigentlich haben kaum Leute die Tür geöffnet und sich wirklich umgesehen“, sagt Keysers. Dann entstand die Idee für eine Musterküche, daraus wurde eine Mustertheke, die sich wiederum in das Café 23 verwandelt hat. „Das hat sich über die Jahre entwickelt, immer weiter, jetzt haben wir die richtige Mischung gefunden.“

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H. Siefken

Ein wichtiger Impuls für die Entwicklung: Roberts Bruder Simon ist in den Betrieb eingestiegen. Er hat (fast) die komplette Büroarbeit übernommen und kommt aus der Gastronomie – seine Doppelbegabung ist für die Tischlerei perfekt. Der Chef kann sich auf die Kernaufgaben konzentrieren, dazu gehören die Gespräche mit potenziellen Kunden.

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Siefken

Weg von den Standardmöbeln
Die junge Frau mit dem Latte Macchiato hat sich eindeutig in das Sofa aus dem Exposébuch verguckt. „Bestimmt nicht billig, oder? Was würde das beispielsweise in 2,30 Meter Breite kosten?“ Für die Antwort muss Keysers etwas ausholen, die Kundin in spe hat sich ausgerechnet sein Gesellenstück ausgesucht, eine feine Arbeit mit handgesägten Schubkästen in den Armlehnen.

„Das in der Realität zu bezahlen, ist schwierig, in dieser Ausführung liegen wir bei 8000 Euro.“ Ihre Augen weiten sich. 8000 Euro. Sie schiebt die Mappe ein wenig von sich weg. „Das geht natürlich auch einfacher und wesentlich günstiger.“ Das Exposébuch wandert einige Zentimeter zurück.
„Weg von den Standardmöbeln. Hochwertiger Innenausbau mit viel Massivholz. Gerne auch Furnier.“

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H. Siefken

So umreißt Keysers die Nische, in der sein Betrieb einen Platz gefunden hat. Die Tischlerwerkstatt, in der er seine Ideen umsetzt, nutzt er gemeinsam mit vier weiteren Tischlermeistern und einem Architekten. Die Kollegen teilen sich 1000 Quadratmeter und die größeren Maschinen. Die Arbeitsbereiche sind unterschiedlich groß, der von Robert Keysers hat gerade mal 60 Quadratmeter. Jeder hat seine eigenen Handmaschinen und in seinem Segment die entsprechenden Schränke, das Verbrauchsmaterial – und seine eigenen Mitarbeiter.
Keysers beschäftigt ausschließlich Auszubildende, einer ist im zweiten Lehrjahr, zwei sind im ersten. Bei größeren und komplizierten Arbeiten gehen ihm die drei zur Hand. „Den ganzen Kleinkram können die total gut alleine übernehmen. Die drei kriegen Zeichnungen, die Holzliste, Erkärungen – dann geht das. Und mein Lehrling im zweiten Lehrjahr ist schon richtig selbstständig.“

Keysers räumt aber ein, dass er derzeit an seine Grenzen stößt: „Ich suche dringend einen Gesellen – das ist ein Projekt, das Vorrang hat.“

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H. Siefken

In der Erfolgsfalle
Der Tischlermeister sitzt buchstäblich in der Erfolgsfalle. Und die hat einen Namen: Café 23. Die Büroarbeit, die ihm sein Bruder nicht abnehmen kann, erledigt er an seinem Stammplatz auf der Empore im hinteren Teil des Cafés. Und je mehr Zeit er dort verbringt, umso häufiger sind die Nachfragen von neuen Kunden, umso mehr Aufträge bearbeitet er in der Werkstatt, umso intensiver muss er sich um die Auszubildenden kümmern.

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H. Siefken

Der einzige, den der Alltagsstress nicht aus der Ruhe bringen kann, ist Keysers Dobermann. Rot ist immer bei ihm. In der Werkstatt, bei Kunden – und natürlich auch im 23. Robert Keysers hat sich jetzt zu der jungen Frau an den Tisch gesetzt, während sie weiter die Sofabilder im Exposé-Buch betrachtet, tätschelt sie Rot den Kopf. Keysers gibt ihr eine Minute, dann sagt er: „Wie wär’s, wenn wir uns bei Euch zuhause angucken, in welcher Umgebung das Sofa stehen soll? Dann kommen wir bestimmt auf neue Ideen. Und über den Preis können wir ja immer noch reden.“ Guter Vorschlag. Die Kundin nickt.

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