06.04.2010
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Ein Werkstoff mit faszinierenden Eigenschaften

Arboform: das "flüssige Holz"

Holz ist sexy. Wobei: An Holz denken die Betrachter von Guccis "EcoPump" sicher nicht, wenn sie den hochhhackigen Stöckelschuh bewundern. Doch der Absatz des modernen Folterinstruments ist aus Holz. Und zwar aus flüssigem!


 - Fotos: Tecnaro
Fotos: Tecnaro

von Alexander Schwake
Schon vor mehr als zehn Jahren entwickelten Helmut Nägele und Jürgen Pfitzer am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) in Pfinztal das Material Arboform. Der Name stammt vom lateinischen „arbor“, das übersetzt „Baum“ bedeutet.
Holz erhält durch das Eiweiß-Molekül Lignin seine Druckfestigkeit. Lignin ist auch der Grundstoff von Arboform. Wegen seines zähflüssigen Zustands beim Produzieren nennt man den Werkstoff auch „das flüssige Holz“. An Nachschub von Lignin mangelt es nicht, denn das Molekül fällt in großen Mengen bei der Papierproduktion an.


Verarbeitung wie Spritzguss
„Das Lignin vermischen wir mit Naturfasern wie Flachs oder Hanf und natürlichen Zusätzen wie Wachs, um einen verarbeitungsfähigen Faserverbundwerkstoff zu erhalten“, erklärt Pfitzer. Nach dem Mixen der Materialien lässt es sich bei 140 bis 170 Grad und einem Druck von 1000 bar thermoplastisch verformen und durch herkömmliche Kunststoff-Verarbeitungstechniken wie Spritzgießen oder Pressen in die gewünschte Form bringen.
Mit diesem Verfahren haben Pfitzer und sein Partner Nägele ihre Firma Tecnaro (Technologie nachwachsender Rohstoffe) in Ilsfeld-Auenstein bei Stuttgart gegründet.

Industrieller Nutzen
Das mag die Industrie: Arboform ist das einzige Holz, das man per Spritzguss verarbeiten kann. Außerdem ist es hitzebeständig und besitzt hervorragende Schwundeigenschaften. Damit ist der industriellen Verarbeitung nahezu keine Grenze gesetzt. Josef Rommler, Geschäftsführer von KWM Kunststoff- und Formteile GmbH aus Merklingen, hat Erfahrung in der Verarbeitung des Materials. Er produziert zum Beispiel Lautsprecher oder Rückenlehnen für Bürostühle: „Wir sind sehr zufrieden mit Arboform“, sagt er. Sein Kollege Günter Strifler weist darauf hin, dass Arboform geschliffen oder gesägt werden kann. „Riskant wird es aber, wenn das Material bei zu hoher Drehzahl oder mit einem groben Sägeblatt bearbeitet wird. Unter diesen Umständen besteht die Möglichkeit, dass es bröckelt oder bricht.“ Rommler ergänzt: „Die Verarbeitung von Arboform benötigt viel Erfahrung und Wissen über die Herstellung von Spritzgussprodukten.“

Ausgezeichnet
Im Frühjahr 2009 hat die Firma Tecnaro einen Preis auf der Hannovermesse in der Kategorie „Zulieferer“ erhalten. Begründung der Jury: Arboform ist innovativ und zukunftsorientiert. Das haben auch schon große Autohersteller erkannt. Im Moment arbeitet Ford an einer Möglichkeit, Arboform in Autos zu verarbeiten. Speziell für Innenverkleidungen oder Batteriehalter sieht Ford Einsatzmöglichkeiten. Riesiger Vorteil: Arboform ist komplett aus Rohstoffen, die verrotten können, wird das Fahrzeug wieder verschrottet. Das ist gerade im Automobilbau mit seinen strengen Recycle-Auflagen wichtig.

Anwendung im Handwerk?
Aber: Da Spritzguss nur für große Stückzahlen interessant ist und ein Know-how verlangt, das im handwerklichen Betrieb selten zu finden ist, wird Arboform in näherer Zukunft ein Thema der Großindustrie bleiben. Allenfalls Halbzeuge könnten den Weg zum holzverarbeitenden Anwender finden.

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