Oktober 2010 - Die Möbel-Schneiderin
Wir ziehen Möbel an
Männer müssen bei den Maiers nicht gerade zu Hause bleiben. Aber im Traditionsbetrieb vor den Toren Stuttgarts haben die Frauen das Sagen. Sarah Maier tritt dabei in prominente Fußstapfen.
Da sitzt sie und grinst. Eine etablierte Unternehmerin. Aus bestem Stuttgarter Handwerker-Adel. Inmitten edler Exponate ihres Ausstellungshauses. Doch Sarah Maier lächelt nicht damenhaft. Sondern sie grinst. Lausbubenhafter Charme.
Kein Schwimmverein in Singapur
Sarah Maier ist schon die dritte Generation Frauenpower. Seit vier Jahren führt sie den 32köpfigen Betrieb. Was gar nicht so selbstverständlich ist. Denn die ehemalige Leistungs-Synchronschwimmerin (und vielfache Deutsche Meisterin) hatte nach aktiver Karriere und Absolvierung eines Studiums der Architektur und Wirtschaftswissenschaften nur eines im Sinn: „Ich wollte irgendwohin, wo es keinen Synchronschwimmverein gibt.“ Was die Weltenbummlerin für einige Zeit nach Singapur führte. Dort arbeitete sie nicht nur in einem Unternehmen, sondern machte auch ihren Tauchlehrerschein. Doch irgendwann kam der Ruf der Heimat. Wo die Mutter die betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten ihrer Tochter gut gebrauchen konnte. „Dabei halfen mir eher meine Erfahrungen im Leistungssport. Diese harte Schule ist mehr wert als jedes BWL-Studium.“ Außerdem gab es irgendwann auch im fernen Singapur einen Synchron-Schwimmverein, also hieß es: Ab nach Stuttgart.
Leistung lohnt sich
Der Betrieb, das wurde der jungen Frau rasch klar, war in erheblicher Schieflage. Ein deutlicher Schnitt musste her. Und die Neuerungen, die die junge Unternehmerin einführte, waren drastisch. „Ich habe das Weihnachts- und Urlaubsgeld abgeschafft. Aber zugesichert: Wer mitzieht, der bekommt mehr.“ Der Ausgleich: Sie führte eine Gewinnbeteiligung ein. Um die Eigenverantwortlichkeit auch im Alltag noch weiter zu steigern, schuf sie eine „Geldvernichtungsliste“. „Wir halten fest, wenn etwas schiefgeht. Und was dieser Fehler kostet. Wir haben damit noch mehr Transparenz erzeugt.“ Sarah Maier traf den richtigen Ton, überzeugte ihre Mitarbeiter und weiß mittlerweile ein eingeschworenes Team hinter sich. Das übrigens auch mit dem viermonatigen Nachwuchs im Hause Maier umzugehen versteht. Wie führt man eine Firma mit Kleinkind auf dem Arm? „Das läuft fantastisch. Ich habe das Tagesgeschäft weitgehend wegdelegiert, und alle haben mitgezogen.“ Mit gewinnendem Lächeln ist die junge Mutter sicher: „Ich habe auch nicht vor, alles wieder an mich zu ziehen.“
Das Herz des Betriebes
Ein Besuch mit Sarah und Ursula Maier im Furnierlager lässt ahnen: Hier werden Möbel nicht geschreinert, hier werden sie eingekleidet. „Hier pocht das Herz unseres Betriebes“, erklärt Sarah Maier. „Schauen Sie mal, wie schön die Maserung läuft.“ „Dieses Holz haben wir als Allererste als Furnier verwendet.“ Wie zwei Modeschöpfer mustern die beiden Damen die Furnierlagen, streichen übers Material, fachsimpeln über Schattierungen, Farbverläufe und Abdunklungen. „Furnier ist unsere Leidenschaft. Einfach ein tolles Material“, schwärmt Ursula Maier.
Der Welt-Maier
Auf dem Weg hin zu den gerade fertiggestellten Möbeln zeigt Sarah Maier lässig auf die vertikale Plattensäge. „Patent von meinem Opa.“ „Und die auch“ – wir laufen an der Kantenschleifmaschine vorbei – „und die auch“ – mit Fingerzeig auf die Furniersäge. Hermann Maier junior wurde allgemein der „Welt-Maier“ genannt. Der Handwerker war ein genialer Tüftler und entwickelte zahlreiche Maschinen, die heute in keiner Tischlerei mehr fehlen. Wenn der Welt-Maier wieder einmal seine Koffer packte, um teilweise für Monate ferne Kontinente zu besuchen, musste seine Frau Hedwig ran und den Betrieb am Laufen halten. Sie ist also die erste Generation in Sachen weiblicher Führungskraft im Hause Maier.
