April 2010 - Hart, aber herzlich
Produktionsschule Nordlicht: Pünktlichkeit und Disziplin
Wilfried Ripke ist ein Mann klarer Ansagen. Widerspruch und Zu-Spät-Kommen gibt's bei ihm nicht. Doch der Tischlermeister aus Hermannsburg ist alles andere als ein Werkstatt-Tyrann.
Mirco ist konzentriert. Aufmerksam lauscht er den Worten von Wilfried Ripke. Furnier will zur Weiterverarbeitung vorbereitet werden. Geschickt macht der junge Mann die Handgriffe nach, die ihm der Tischlermeister eben gezeigt hat. Alltag in einer Werkstatt? Nicht hier, nicht in der Produktionsschule Nordlicht des Albert-Schweitzer-Hauses in Hermannsburg. Denn Mirco ist kein alltäglicher junger Mann. Er gehört zu den „benachteiligten Jugendlichen".
Ernst nehmen
„Wenn unsere Schüler überhaupt jeden Tag kommen, dann haben wir schon mal gewonnen.“ Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist für die jungen Menschen, mit denen Ripke und seine Mitarbeiter umgehen, alles andere als normal. Drogen, Alkohol, häusliche Gewalt oder Vernachlässigung – bei den Schicksalen, die in Hermannsburg eine Chance suchen, kann man eine Gänsehaut bekommen. Oder Mitleid.
Ein Jahr Zeit
Für beides hat der Tischlermeister im Alltag keinen Sinn. Ihn treiben praktische Sachen um: „Die Jungs und Mädels sind ein Jahr hier. Das Ziel ist es, ihnen wieder Strukturen zu zeigen und sie so auf eine Ausbildung oder Arbeit vorzubereiten.“ Ein Jahr, das von der ersten Minute an zählt: „Wer hier durch die Tür tritt, der muss vom ersten Moment an spüren, dass er hier ernst genommen wird.“ Man merkt sofort, dass Ripke genau weiß, wovon er spricht, wenn er erzählt: „Drohen bringt bei den Jugendlichen gar nichts. Die müssen freiwillig kommen. Denn nur wenn sie hier sind, habe ich auch einen Einfluss auf sie.“
Disziplin
Für die meisten seiner Schützlinge ist es schon schwer, morgens regelmäßig im Betrieb zu erscheinen. Fehlt einer, dann fährt der Ausbilder auch schon mal los und holt seinen Sorgenfall persönlich aus dem Bett. Damit werden die Grenzen des Betriebes klar: „Termine können wir bei unseren Aufträgen nicht exakt einhalten, solche Aufgaben gebe ich gleich an die anderen Tischler im Ort ab. Das klappt eben nicht.“
Reale Produktion
Ist Ripke also eher Sozialarbeiter denn Handwerker? „Ne ne, meine Philosophie ist ganz klar. Was wir hier bauen, wird auch verkauft.“ Ripke und sein Geselle Armin Guse halten die realistische Produktionsumgebung für absolut notwendig: „Aufgrund der praktischen Ausbildung hatten wir bisher gute Vermittlungsquoten in den Betrieben“, erzählt der 42-Jährige Handwerksmeister.
Anerkennung durch die Innung
Die Produktionsschule mit ihrer einjährigen Ausbildung zum Holzbearbeiter besteht erst seit 2009, davor war die Tischlerei eine (fast) normale Ausbildungswerkstatt mit dreijähriger Lehrzeit. Die in der Innung, der sie als Gastmitglied angeschlossen ist, sehr angesehen ist. „Wir unterstützen die Anstrengungen von Herrn Ripke und seinen Kollegen“, erklärt Innungsobermeister Ernst Heinrich Ahrens. „Beide Seiten profitieren von der Mitgliedschaft.“
Konkurrenz im Ort?
Gibt es keine Konkurrenz mit den ortsansässigen Betrieben? „Nein, wir haben ein sehr gutes Miteinander“, erzählt Ripke. Denn viele Aufträge seien für die anderen Kollegen „Kleinkram“, also Reparaturen oder die Aufbereitung von Möbeln. Die meisten Aufträge stammen aus dem Hermannsburger Familienwerk, wo Ripke und seine lernwilligen Auszubildenden vom Fenster bis zum Möbel nahezu alles fertigen und einbauen. Aber es gibt durchaus auch Aufträge aus der Privatwirtschaft, die die Tischlerei ganz normal wie jeder andere Betrieb auch stemmen muss.
Die Produktionsschule Nordlicht mit den Bereichen Tischlerei, Töpferei und Weber- und Filzerei ist im gesamten Celler Landkreis der einzige Ausbildungsbetrieb für benachteiligte Jugendliche. Meist sind Ripke und sein Team ihre letzte Chance, um doch noch Fuß zu fassen in einem eigenbestimmten Leben. Und dazu gehören eben Strukturen, Fleiß und Disziplin.
Weitere Einblicke und ein Interview mit Tischler Ripke im Video.
