10.02.2015
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Februar 2015 - Tischler im Container

Gib mir ein G!

Wenn Philipp Gerick seinen Nachnamen buchstabieren muss, ist er tolerant. Muss er auch sein, denn er ist Chef der fast gleichnamigen Tischlerei Herick. Und weder verwandt noch verschwägert mit dem Firmengründer. Wie der junge Tischlermeister diesen und andere Stolpersteine bewältigt, verrät er beim Besuch im westfälischen Ahaus.

von Lutz Odewald

Ahaus liegt ganz im Westen von Nordrhein-Westfalen. Keine zehn Kilometer trennen die Münsterländer von der holländischen Grenze. Schnurgerade Landstraßen, viel plattes Land, reichlich Platz zwischen Horizont und Himmel.

 - Philipp Gerick
Philipp Gerick

Containerdomizil
Reichlich Platz gibt es auch, wenn man auf den Hof der Tischlerei Herick fährt. Direkt am Eingang sorgt ein großer Unimog schon mal für ein Bekenntnis zur automobilen Leidenschaft, die dem jungen Firmeninhaber nachgesagt wird. Mit Recht, wie er selber später schmunzelnd feststellt. Doch dann kommt der Besucher ins Stocken. Okay, die Werkstatt ist schnell gefunden, doch wo findet sich das Büro, wo steckt der Chef?

Der Blick bleibt an einem Container auf dem Gelände kleben. Da hinein? Tatsächlich, hier ist man richtig, hier hat Philipp Gerick seinen sitzenden Arbeitsplatz gefunden. Mit breitem Grinsen empfängt der Tischlermeister seinen Besuch. „Reicht doch“, beschreibt er nüchtern sein Domizil. Passt auch, denkt man. Schließlich ist Gerick ein sehr junger Chef, gerade 29 Jahre alt. Und erst seit wenigen Wochen alleiniger Geschäftsführer der Tischlerei mit dem fast gleichen Namen. Und da auch der Umzug in die jetzigen Gebäude erst kürzlich erfolgte, stecken die finanziellen Mittel eher in der Werkstattausstattung als in repräsentativen Büroräumen.

Buchstabeneinerlei
Die Tischlerei Herick ist ein Traditionsunternehmen in Ahaus, seit über 100 Jahren ist man dort zu Hause. „Eine Namensänderung wird es nicht geben, das ist doch eine feste Institution hier“, erklärt Philipp Gerick die Frage nach den Namen. „Und ich hab mich längst daran gewöhnt, dass die Leute die Namen durcheinander bringen.“ Schließlich ist der junge Tischler bei Ulrich Herick schon in die Lehre gegangen. „Ein toller Lehrmeister mit klasse handwerklichen Fähigkeiten. Danach bin ich kurz bei einem Wintergartenbauer und dann in einem Ladenbaubetrieb auf Montage gewesen. Anderthalb Jahre quer durch Europa, da hab ich enorm gelernt.“

Doch Philipp Gerick zog es zurück ins heimische Ahaus. Schließlich bot sich hier eine spannende Chance für den jungen Handwerker. „Ich konnte mich mit familiärer Hilfe als Teilhaber in meinem alten Lehrbetrieb einkaufen.“ Nicht ohne Konsequenz: „Jetzt musste der Meister her, also bin ich in Vollzeit auf die Meisterschule in Münster gegangen.“

Platzbedarf
Mit jugendlichen 25 Jahren war der Schritt geschafft, Gerick hatte seinen Meisterbrief in der Tasche. Dazu eine Menge Kontakte und Ideen. „Eine neue Betriebsstätte war nötig, die alte Lage ließ uns keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr.“ Gesucht, gefunden, aber noch lange nicht bezogen. „Das Grundstück hier in der Daimlerstraße war ganz nahe am alten Betrieb. Aber die Halle haben wir komplett sanieren müssen.“ Im Frühjahr 2013 war auch dieser Kraftakt geschafft, und Philipp Gerick und Ulrich Herick konnten umziehen. „Die Maschinen habe ich mit dem Gabelstapler rübergefahren“, grinst Gerick.

Endlich Platz für Maschinen. Und Raum für Ideen. „Durch unsere Aufträge im Ladenbau bin ich auf das Thema Regale aufmerksam geworden. Mittlerweile bieten wir geschreinerte Regal­systeme in einem eigenen Online-Konfigurator (www.das-holzregal.de) an. Übrigens auch für unsere Kollegen“, nutzt der pfiffige Tischler die Möglichkeit zur Eigenwerbung.
Doch zuviel Ruhe war dem Organisationstalent Gerick nicht gegönnt. Gerade war eine CNC angeschafft, eine Striebig aufgestellt und das Paulus-Lager eingeführt, da kam im vergangenen Jahr sein Partner und ehemaliger Lehrmeister mit einer überraschenden Offerte: „Ich bekam den ganzen Betrieb angeboten, denn Ulrich Herick wollte sich beruflich noch einmal verändern.“

Neustruktur
Mit familiärer Unterstützung und einer gehörigen Portion Mut ergriff Gerick die Chance. Und setzt heute klare Prioritäten: „Mein Job sind Kundenkontakte, Akquise und Marketing. Mit Bestellungen oder in der Werkstatt habe ich nichts mehr zu tun.“ Gerick kümmert sich um die Führung seiner Tischlerei, plant und organisiert den kaufmännischen Part. Unterstützt wird der junge Firmenchef von seinem Vater, der Kaufmann ist.

Der Austausch mit Kollegen ist Gerick wichtig: „Ich bin nicht nur in der Innung aktiv, bin da Mitglied im Prüfungsausschuss , sondern treffe mich auch bei einem Stammtisch von heimischen Jungunternehmern. Und auch die Treffen der Jungmeister der Tischler besuche ich regelmäßig.“ Den Gedanken des Miteinander und der Arbeitsteilung setzt Gerick auch im betrieblichen Alltag um: „Oberflächen etwa mache ich nicht selber, sondern arbeite mit Tischlerkollegen zusammen. Und wenn es exotisch wird, ist eine Lackiererei direkt gegenüber.“
Bei so viel neuem Wind ist es kein Wunder, dass dem Wert eines einzelnen Buchstaben momentan kein hoher Rang eingeräumt wird.

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