24.05.2011
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Der wilde Wolf (sburger)

Doppelter Praxistest VW Amarok

Premiere bei den Holzhelden: Gleich zwei Tests für ein Fahrzeug. Doch VW verspricht, dass der kühne Pick-Up in der Lage sei, zwischen Boulevard und Baustelle zu pendeln. Das wollten wir genauer wissen. Und haben dem Allradler in beiden Welten von profunden Fachleuten auf den Zahn fühlen lassen ...

von Lutz Odewald

 - Klaus-Peter und Dominic Karg
Klaus-Peter und Dominic Karg

Der braucht doch bestimmt 15 Liter. Sobald der Amarok zum Gesprächsthema wird, geht es um den Verbrauch. Kein Wunder: So amerikanisch, wie der in Argentinien gebaute Volkswagen daher kommt, hat noch kein deutscher Automobilbauer Blech in Formen gepresst.
Dominic Karg passt genau in den Amarok. Der Experte für Schonstrahltechnik besitzt nicht nur ebenfalls XXL-Ausmaß, sondern hat auch ein Faible für amerikanische Motoren. Und er kennt die Sand- und Kiesgruben seiner Umgebung wie seine Westentasche. Beste Voraussetzungen, um dem Pick-Up sowohl in Sachen Alltagstauglichkeit als auch Unvernunft auf den Zahn zu fühlen.
Doch zunächst nimmt Klaus-Peter Karg das weiße Test-Mobil unter die Lupe. Karg Senior bildet nicht nur beim Schonstrahlen ein Team mit seinem Sohn.

 - Sieht aus wie das Mittelmeer, ist aber der Mittellandkanal.
Sieht aus wie das Mittelmeer, ist aber der Mittellandkanal.

Passt perfekt
Der gelernte Maschinenschlosser teilt mit seinem Sohn auch die Leidenschaft für alles, was Motoren hat. Und brummt: „Sieht ja super aus. Wie für uns gemacht.“ Dass die Farbe des Amarok genau zum Hänger der in ganz Deutschland tätigen Handwerker passt, ist Zufall. Die Kargs bringen grinsend die eigens gefertigten Magnet-Tafeln ihrer Firma an die Türen des mächtigen Zugfahrzeugs an. Das ist natürlich kein Zufall, die ausgefuchsten Handwerker haben mitgedacht. Und ein klein wenig Werbung darf doch sein ...
Erste Herausforderung: Der mehr als fünf Meter lange Amarok muss einen engen Wendehammer mitsamt der angehängten mobilen Werkstatt meistern. Kein Problem für den Allradler. In der Testvariante ist er mit zuschaltbarem Allrad ausgestattet. Im Alltag genügt der Hinterradantrieb vollkommen und spart zudem kostbaren Diesel.

Zieht mächtig
Sohn Dominic drängelt sich hinters Lenkrad. „Wow, hier ist ja richtig Platz.“ Richtig, der Innenraum hat Golf-Format, auch mit 190 Zentimetern sitzt man selbst in der zweiten Reihe bequem. Selbst wenn ein Hüne wie der "große" Karg vor einem Platz nimmt. Doch die erste Begeisterung entfährt Karg Junior beim Anfahren an der Ampel. „Das ist ja geil, man spürt den 1,5- Tonnen-Hänger überhaupt nicht!“ Das kennt der Schonstrahler selbst von seinem 7,5-Tonner nicht. Der kommt bei den Kargs vor allem für größere Aufträge zum Einsatz, denn dort findet der mehr als 800 kg wiegende Kompressor auf der Ladefläche ausreichend Platz. Doch wie die Kargs schnell feststellen: "Der passt genau auf die Ladefläche des Amarok." Kein Wunder, schließlich will VW den größten Laderaum in der Pick-Up-Klasse hierzulande bieten. Eine Euro-Palette passt, quer gestellt, auf das Hinterteil des Allradlers.

Euphorisch im Gelände
Rund um Wolfsburg wird am Mittellandkanal gebaut. Reichlich Platz, Kies und Sand. Und genügend Möglichkeiten, automobilen Unsinn zu treiben. Etwa mit dem schweren Anhänger einen Sandhügel zu erklimmen. Allrad an, Untersetzung und Differenzialsperre einlegen – los geht‘s. Die Möglichkeiten, die der zuschaltbare Allradantrieb bietet, reichen für eine Himalayaquerung. Für uns Flachlandtiroler schon längst: Der Amarok schnaubt nur einmal kurz, dann wird der Hang vernascht. Baustellen in unerschlossenen Neubaugebieten: kein Problem. Lediglich in tiefem, losem Sand müssen die Straßenreifen die weiße Fahne hissen. Da müsste der Amarok grobere Socken verpasst bekommen. Doch wir sind ja nicht auf der Rallye Paris-Dakar, sondern am Mittellandkanal. Bevor wir also die rollende Werkstatt im Sand versenken, gönnen wir dem Hänger eine Pause.
Wir koppeln den Anhänger ab. Und erklimmen Steigungen, die selbst einem Traktorfahrer Schweißperlen auf die Stirn zaubern würden. Der Bug zeigt gen Himmel, nur noch Wolken bei der Bergauffahrt zu sehen. Der Amarok brummt ein wenig, nimmt sofort Gas an und macht aus dem steilen Hügel wieder eine Gerade. Spätestens bei der Berg-ab-Fahrt erneut Juchzer: „Nimm mal die Füße von den Pedalen.“ Der elektronische Bergabfahr-Assistent übernimmt, der Amarok krabbelt ganz vorsichtig den steilen Hang herunter. Grenze der Möglichkeiten: der eigene Mut. Der Wagen hat noch reichlich Reserven.

Jagend auf Asphalt
Nach Sand und Kies der Ausflug auf normalem Asphalt. Gemächlich schnurrt der Amarok dahin, bei 140 km/h liegen gerade einmal 2500 U/min. an. Dabei begnügt sich die Maschine im Test mehrfach mit weniger als neun Litern Diesel pro 100 km. Allerdings nur mit eiserner Selbstbeherrschung: Die 400 Newtonmeter Drehmoment helfen nicht nur am Berg und im Gelände. Nur allzu begierig vernascht der Wolf alles mit Spitznamen „GTi“ und „RS“. Bis deren Asphaltcowboys realisiert haben, was sich da haushoch neben ihnen aufgebaut hat, ist der Zweitonner über alle Berge. Und auch auf der Autobahn scheint es dem Amarok diebischen Spaß zu machen, die typischen Vertreter-TDi der linken Fahrspur zu erschrecken. Während die armen Vorausfahrenden noch zweifelnd an ihrem Rückspiegel fummeln, scheint der Amarok sich zu überlegen, ob er jetzt nur lässig vorbeizieht oder einfach über Passat und Konsorten drüber rumpelt.

Fazit
Die Kargs sind sich sicher: „Der Amarok bringt das Kind im Manne zum Vorschein. Und lässt sich trotzdem mit gutem Gewissen im beruflichen Alltag nutzen.“ Perfekte Zugeigenschaften und Winter- und Geländetauglichkeit, gesitteter Spritverbrauch und eine realistische Preisgestaltung sind Pluspunkte. Nur beim Besuch von Waschstraßen ist Vorsicht geboten, denn Überbreite und offene Ladefläche können schneller zu bleibenden blechernen Eindrücken führen, als dem Rudelführer mit Autoschlüssel lieb sein kann.

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