30.05.2011
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Juni 2011 - Erbauer rollender Heime

Der Zigeuner

Hochwertiger Innenausbau mit ökologischem Anstrich – so hat sich Martin van Neuß einen Namen gemacht. Doch seit der Tischlermeister aus Krefeld Wohnwagen baut, geht sogar das Fernsehen bei ihm ein und aus.

von Lutz Odewald

 - Martin van Neuß und sein Caravan
Martin van Neuß und sein Caravan

Nur 30 Kilometer sind es von Krefeld bis zur holländischen Staatsgrenze. Das merkt man unter anderem am steten Zug der Wohnwagengespanne, ohne die ein holländischer Urlauber kaum denkbar scheint. Und auch in den Nachnamen des einen oder anderen Oosterburen („Ostnachbarn“) haben sich niederländische Elemente verirrt. Bestes Beispiel für den steten Kulturaustausch ist Martin van Neuß. Der Tischlermeister hat nicht nur einen nach Tulpenzwiebeln und Holzpantoffeln klingenden Namen zu bieten, sondern sich auch dem Wohnwagen mit Haut und Haaren verschrieben.

Mit kleinen Schritten ...
Eigentlich müsste der 46-jährige Familienvater „van Duisburg“ heißen, denn dort ist er geboren und hat seine beruflichen Anfänge als technischer Zeichner hinter sich gebracht. Doch schon bald erkannte van Neuß, dass ihm das Praktische deutlich näher war. Tischlerlehre und eigene Werkstatt waren logische Konsequenzen.
Fleiß und Können ließen aus dem anfänglich noch mit Improvisationstalent und ohne Heizung betriebenen Werkstatt-Provisorium in Kempen schon bald einen kleinen Handwerksbetrieb entstehen. Der durch den Umzug nach Krefeld noch einmal einen deutlichen Schub bekam. 1997 wurde aus dem alten Bauernhaus, in dem zuvor ein Schrotthandel residierte, eine Tischlerei.

... und einem Umzug ...
Doch das heutige Flair mit schönem Innenhof in passendem Ambiente wollte hart erarbeitet sein: „Wir haben hier allein schon kubikmeterweise den Boden ausheben müssen, um eine Betonplatte zu gießen. Fenster, Türen, Böden – alles neu.“ Stolz führt Martin van Neuß durch die Räumlichkeiten. Im Hinterhof versteckt sich eine kleine Oase. Die grüne Idylle inmitten des Gewerbegebietes nutzen nicht nur die zwei Gesellen und zwei Auszubildenden, die van Neuß beschäftigt, sondern auch die Familie, die im anliegenden Wohnhaus beheimatet ist.

... massiv und mobil
Im Innenhof steht die mobile Visitenkarte, die van Neuß mittlerweile über seinen eigentlichen Wirkungskreis hinaus bekannt gemacht hat. „Eigentlich fertigen wir viel Massivholzmöbel“, berichtet der Tischlermeister. „Die Ökoschiene ist meine Überzeugung. Wann immer es geht, vermeide ich Plastik.“ Innenausbau, Objekteinrichtungen, Fußböden, aufwendige Haus- und Zimmertüren sowie in Holz gebaute Außenbereiche sind weitere Spezialitäten.
„Die Idee, einen Wohnwagen zu bauen, hatte ich beim Urlaub mit der Familie.“ Gedacht, getan? Ganz so einfach stellte sich das Vorhaben nicht dar. „Die größten Schwierigkeiten hatte ich, ein passendes Fahrgestell aufzutreiben.“ Bei der Firma Weipert wurde er schließlich fündig. Der Rest war schnell fertig, schließlich waren Planung und viele Einzelteile bereits während der Wartephase auf das rollende Untergestell entstanden. „Wohnwagen sind bei uns immer dran, wenn wir Luft zwischen den Aufträgen haben.“ Das erste rollende Heim mit Namen „Gipsy“ besitzt eine Tandemachse und viele liebevolle Details, die handwerklicher Fertigkeit verraten. „Die kleinen Baluster der Regale sind gedrechselt. Das habe ich bei einer befreundeten Drechslerei machen lassen.“ Schmunzelnd berichtet van Neuß, dass der Meister ob der pfriemeligen Arbeit fast wahnsinnig geworden sei. „Heute darf ich dem nicht mehr kommen.“ 

 - Das ideale "Besprechungszimmer"
Das ideale "Besprechungszimmer"

Zum Fernsehstar
2004 war der rollende Zigeuner fertig. Und gleich im Einsatz: „Mittlerweile waren wir damit mehrfach in Schweden. Und jedes Jahr beim Rockfestival Hurrican in Scheeßel.“ Den gewinnbringendsten Ausflug machte van Neuß allerdings in die Nachbarschaft: „Wir haben eine regionale Camping-Messe besucht, durften dort auch ausstellen.“ Die Resonanz war so groß, dass gleich Folgeaufträge kamen. Mittlerweile fahren ein weiterer Wohnwagen und ein Wohnmobil aus der van Neuß’schen Fertigung auf deutschen Straßen.
Trotz noch recht überschaubarer Stückzahl ist der Krefelder Tischler mit Hang zu mobilen Eigenheimen zu einem richtigen Medienstar geworden. Neben zahlreichen Regional- und Autozeitschriften berichteten Fernsehteams von Vox und WDR  über van Neuß und seine hölzernen Wohnwagen. Eine Reportage beim Wissensmagazin Galileo ist in Arbeit.

Zum Fahrzeugbauer
Und das nächste Bauvorhaben, ein Drehschemelanhänger mit sechs Metern Nutzlänge, liegt zu großen Teilen in der Werkstatt und wartet auf das passende Fahrgestell. Das ist ebenfalls in Arbeit, es wird nach den Wünschen des Tischlers angefertigt. Denn obwohl die tägliche Arbeit natürlich nach wie vor meist im Bereich von Möbel und Innenausbau liegt, hat der Krefelder Unternehmer längst noch höhere Weihen erhalten: Van Neuß ist mittlerweile ein selbst von Mercedes anerkannter Fahrzeugbauer.

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