03.03.2015
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März 2015 - Mindestlohn mal anders

Der glückliche Möbelmacher

Es gibt Geschichten, die sind geplant. Ein konkreter Anlass, eine genaue Idee oder eine bekannte Persönlichkeit wollen ihren Weg auf diese Seiten finden. Und es gibt Stories, da macht man sich mit einem konkreten Anlass auf den Weg. Und schmeißt sie dann komplett um. Meist sind das die besten …

von Lutz Odewald

Ein Tischler, der Modelle aus dem 3D-Drucker zaubert? Der das Studiomobiliar für TV-Sendungen schreinert? Der mit einem Londoner Taxi zum Kundentermin fährt? Oder ein Büro im Wohnmobil untergebracht hat?

Gründe, warum ein Journalist sich bei Jörg Julius Kapune und seinem Betrieb Julius Möbel in Overath im Bergischen Land blicken lässt, gibt es reichlich. Den Verfasser dieser Zeilen hatte die Idee, statt Skizzen komplette 3D-Modelle für die Kundenpräsentation zu erstellen, neugierig gemacht. Doch das spielte ganz schnell keine Rolle mehr …

Arbeite mal endlich!
Eigentlich stammt der 42-jährige Tischlermeister gar nicht aus einer Handwerkerdynastie. Architekten und Bildhauer tummeln sich eher in der Ahnenreihe. „Tischler wollte ich werden, weil eine meiner Schwestern auch Tischlerin geworden ist. Damals war das noch super selten“, erzählt der Hauptdarsteller dieser Geschichte beim Kaffee in der quietschgrünen Küche seines Betriebes. „Und schon in der Ausbildung war mir klar: Ich wollte selbstständig werden.“

Doch nach drei Gesellenjahren hatte Kapune erstmal die Nase voll und machte sich auf zur Weltreise. „Danach hab ich mich auf die Meisterschule eingeschrieben und tatsächlich mit Auszeichnung bestanden.“ Weil der unternehmungslustige Tischler gerade dabei war, hängte er gleich noch den Betriebswirt des Handwerks hintendran.
„Und dann wollte ich eigentlich Architektur studieren. Doch meine Schwester meinte, wann ich denn endlich mal mit Arbeiten anfangen wolle.“

Geldverdienen war nie ein Problem
Der junge Kapune hörte auf den familiären Rat, schnappte sich eine Handkreissäge und schlug in einer angemieteten Garage sein erstes betriebliches Domizil auf. „Da bin ich schön naiv drangegangen. Und genau das war auch der Schlüssel zu allen weiteren Aktivitäten“, Kapune muss immer noch grinsen, wenn er an die Anfangszeit zurückdenkt.

„Aber irgendwie hab ich die Leute mit gutem Service, Pünktlichkeit und meinem Charme anscheinend gepackt. Geldverdienen fiel mir eigentlich nie schwer“, erinnert er sich. Die Erlöse seiner Arbeit investierte Kapune gleich wieder in neue Maschinen. Und da das Ganze mittlerweile 15 Jahre her ist und sein Betrieb heute 15 Mitarbeiter hat, kann man mit Fug und Recht von einer erfolgreichen Karriere sprechen.

Her mit der Sekretärin
Ganz so bilderbuchmäßig war der Werdegang von Julius Möbel denn aber doch nicht. „Nach ein paar Jahren habe ich mir eine Unternehmensberatung in den Betrieb geholt. Und die hat mir die Augen geöffnet“, schildert Kapune.
„Als die hörten, dass ich mit acht Mitarbeitern noch immer keine Bürokraft hatte, haben die mich gleich zur Einstellung einer Vollzeitstelle gedrängt.“ Der Tischlermeister begriff, dass ein Betrieb ohne Struktur schnell scheitern kann. „Eigentlich beginnt eine richtige Selbstständigkeit hier in Deutschland erst ab einer Größe von drei Mitarbeitern. Seit dem ersten Termin mit der Beratungsfirma haben wir uns immer weiter vergrößert. Unternehmensberater müssen also nicht immer Arbeitsplätze kosten.“

Eigentlich stehen Kapune und sein Team für hochwertigen Innenausbau und Möbeleinzelfertigung. Doch das Motto des rührigen Handwerkers lautet: „Wir haben uns auf unsere Flexibilität spezialisiert.“ Also verlassen auch Fenster und Türen die Werkstatt, „wenn es kompliziert und spannend wird“. Runde Türzargen oder aufwendige Fachwerkhaustüren sind auch für die Möbelbauer gern angenommene Herausforderungen.
Im Reparatursektor engagiert sich Kapune ebenfalls: „Sicherer und einfacher kann man kaum Geld verdienen. Dazu muss man die Abläufe aber im Griff haben.“

Mitarbeiter-Transparenz
Die Abläufe sind es, die beim Besuch in Overath so verblüffen. So arbeitet Jörg Julius Kapune mit einem Lagersystem, welches ihn komplett entlastet. „Von Paulus hab ich erst gehört, als mich die ersten Kollegen fragten, ob ich da abgekupfert hätte.“ Hatte er aber nicht, das System ist selbst ausgedacht.
Die Kennzahlen seines Betriebes plant Kapune ein Jahr im Voraus. Und zwar total transparent und mit all seinen Mitarbeitern gemeinsam. „Mein Ziel ist es, alle dabei mitzunehmen. Ich will in fünf Jahren alle Mitarbeiter über Tarif bezahlen.“ Die dazu nötigen Mehrumsätze erreicht der in seinen Abläufen optimierte Betrieb nur durch Wachstum. Julius Möbel sind im letzten Jahr um die dazu nötigen und geplanten drei Mitarbeiter gewachsen.

„Der Schlüssel für gute Mitarbeiter liegt in deren Wertschätzung. Bei überdurchschnittlicher Leistung wird auch überdurchschnittlich gut bezahlt. Das schafft eine lange Bindung mit den Mitarbeitern. Da brauche ich über Tarif und Mindestlohn dann nicht mehr zu diskutieren.“ Kein Wunder, dass sich Jörg Julius Kapune um das Betriebsklima keine Sorgen machen muss.
Und kein Wunder, dass die zurückliegenden Zeilen sich nicht um 3D-Drucker oder Londoner Taxis zur Kundenakquise drehten.

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